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Personal

Recruiting: Definition, Prozess und Kennzahlen der Personalgewinnung

Berufswelt Journal Redaktion
Manager discussing resume with candidate with disability
Bild von Anna Tolipova auf Magnific

Recruiting (englisch für Personalgewinnung) bezeichnet alle Maßnahmen, mit denen Unternehmen offene Positionen besetzen – von der Bedarfsanalyse über die Ansprache geeigneter Kandidaten bis zum Vertragsabschluss. Ziel des Recruitings ist es, passende Fach- und Führungskräfte zu identifizieren, für das eigene Unternehmen zu gewinnen und erfolgreich einzustellen. Im weiteren Sinne gehört auch die strategische Planung der dafür eingesetzten Kanäle, Verfahren und Ressourcen dazu.

Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Ein mittelständisches Softwareunternehmen verliert einen erfahrenen Entwickler und muss die Position zeitnah nachbesetzen. Die Personalabteilung klärt zunächst mit der Fachabteilung, welche Aufgaben die Stelle künftig umfassen soll, erstellt ein Anforderungsprofil und legt fest, über welche Kanäle die Ausschreibung läuft. Nach Eingang der Bewerbungen folgen die Sichtung, zwei strukturierte Gesprächsrunden und eine Arbeitsprobe, bevor der Wunschkandidat ein Angebot erhält. Dieser Ablauf vom erkannten Bedarf bis zur Unterschrift ist der klassische Recruiting-Prozess – und genau der Gegenstand dieses Artikels. Verantwortlich dafür sind je nach Unternehmensgröße spezialisierte Recruiter in der Personalabteilung, externe Personalberater oder in kleinen Betrieben die Geschäftsführung selbst.

Das Wichtigste zum Recruiting in Kürze:

  • Recruiting umfasst den kompletten Weg der Personalgewinnung: Bedarf klären, Anforderungsprofil erstellen, Kanäle wählen, Kandidaten auswählen und einstellen.
  • Die wichtigsten Recruiting-Kanäle sind Online-Jobbörsen, die eigene Karriereseite, soziale Netzwerke, Mitarbeiterempfehlungen und Personalberater.
  • Als Auswahlverfahren dominieren strukturierte Interviews, ergänzt um Assessment-Center und Probearbeiten.
  • Die zentralen Recruiting-Kennzahlen sind Time-to-Hire (Dauer bis zur Besetzung) und Cost-per-Hire (Kosten je Einstellung).
  • Der Fachkräftemangel hat Recruiting von einer administrativen Aufgabe zu einem strategischen Erfolgsfaktor gemacht.

Der Recruiting-Prozess Schritt für Schritt

Der Recruiting-Prozess folgt in den meisten Unternehmen einer klaren Abfolge. Je nach Branche, Unternehmensgröße und Position sind einzelne Phasen unterschiedlich ausgeprägt, doch der Weg von der offenen Stelle zur Einstellung lässt sich in fünf Schritte unterteilen:

  • Bedarfsanalyse und Personalplanung: Am Anfang jeder Besetzung steht die Frage, warum eine Stelle überhaupt ausgeschrieben wird: Wächst das Unternehmen, muss ein Ausscheiden ersetzt werden oder entsteht eine neue Aufgabe? Gemeinsam mit der Fachabteilung klärt die Personalabteilung, welche Aufgaben die Position umfassen soll, ob sie in Voll- oder Teilzeit zu besetzen ist und welches Budget zur Verfügung steht. Erst wenn Bedarf, Rahmenbedingungen und Zieltermin feststehen, wird die Stelle offiziell freigegeben – diese Freigabe markiert zugleich den Startpunkt für die spätere Messung der Vakanzzeit.
  • Anforderungsprofil und Stellenbeschreibung: Auf Basis der Bedarfsanalyse entsteht das Anforderungsprofil. Es legt fest, welche Qualifikationen, Berufserfahrung und persönlichen Eigenschaften ein Kandidat unbedingt mitbringen muss (Muss-Kriterien) und welche wünschenswert sind (Kann-Kriterien). Daraus wird die Stellenanzeige formuliert, die Aufgaben, Anforderungen und das Angebot des Arbeitgebers beschreibt. Ein realistisches Profil ist dabei entscheidend: Zu hohe Anforderungen schrecken geeignete Kandidaten ab, zu vage Formulierungen erzeugen unpassende Bewerbungen und Mehrarbeit bei der Sichtung.
  • Kanalauswahl und Veröffentlichung: Die Ausschreibung wird über die Kanäle veröffentlicht, die die Zielgruppe der Stelle tatsächlich erreicht. Für ein Trainee-Programm können Hochschulmarketing und soziale Netzwerke sinnvoll sein, für eine Führungsposition eher Personalberater oder Fachportale. Häufig laufen mehrere Kanäle parallel, um Reichweite und Passung zu kombinieren. Die wichtigsten Recruiting-Kanäle stellt der nächste Abschnitt im Detail vor.
  • Sichtung und Auswahlverfahren: Nach Eingang der Bewerbungen folgt die Sichtung: Die Unterlagen werden anhand des Anforderungsprofils geprüft, passende Kandidaten kommen in die engere Auswahl, offensichtlich ungeeignete Bewerbungen werden zeitnah und respektvoll abgesagt. Anschließend treten die verbleibenden Bewerber in das eigentliche Auswahlverfahren ein – typischerweise ein oder mehrere strukturierte Interviews, ergänzt um Arbeitsproben oder Assessment-Center. Viele Unternehmen verwalten diesen Ablauf in einer Bewerbermanagement-Software, die Eingänge bündelt, Antworten dokumentiert und den Status jedes Kandidaten nachvollziehbar macht.
  • Vertragsabschluss und Onboarding: Steht die Entscheidung, erhält der Wunschkandidat ein Angebot. Nach der Verhandlung von Gehalt und Rahmenbedingungen endet der Recruiting-Prozess mit der Vertragsunterschrift formal – faktisch aber erst mit einer gelungenen Einarbeitung. Ein strukturiertes Onboarding sorgt dafür, dass neue Mitarbeiter schnell produktiv werden und im Unternehmen ankommen. Wer die Zeit zwischen Zusage und erstem Arbeitstag ungenutzt verstreichen lässt, riskiert, dass der Kandidat noch abspringt oder die Probezeit scheitert.

In der Praxis greifen die fünf Schritte ineinander: Während der Auswahlphase laufen oft schon Gespräche mit weiteren Kandidaten, und die Bedarfsanalyse für die nächste Position beginnt, bevor die letzte besetzt ist. Entscheidend ist, dass Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege klar geregelt sind – zwischen Personalabteilung, Fachabteilung und gegebenenfalls der Geschäftsführung. Wer jede Phase und ihre Dauer dokumentiert, schafft außerdem die Datengrundlage für die Recruiting-Kennzahlen, die ein späterer Abschnitt vorstellt.

Als häufigste Ursachen für Verzögerungen erweisen sich in der Praxis drei Punkte: ein unklares Anforderungsprofil, das erst während der Auswahl nachgeschärft wird; zu lange Reaktionszeiten zwischen den Gesprächsrunden, in denen gefragte Kandidaten abspringen; und Entscheidungstermine, die wegen fehlender Abstimmung zwischen Personal- und Fachabteilung wiederholt verschoben werden. Wer diese Stellen im eigenen Ablauf kennt, kann gezielt gegensteuern – etwa durch feste Feedback-Fristen nach jedem Gespräch und einen früh reservierten Termin für die finale Entscheidung.

Die wichtigsten Recruiting-Kanäle und Auswahlverfahren

Über welche Wege Unternehmen Kandidaten erreichen und wie sie die Auswahl treffen – diese beiden Entscheidungen bestimmen Reichweite und Qualität des Recruitings. Der folgende Überblick stellt zunächst die wichtigsten Kanäle und anschließend die gängigsten Auswahlverfahren vor.

Die wichtigsten Recruiting-Kanäle im Überblick

Kein Unternehmen muss alle Kanäle bespielen. Entscheidend ist, diejenigen auszuwählen, auf denen sich die Zielgruppe der jeweiligen Stelle tatsächlich bewegt:

  • Online-Jobbörsen: Sie bieten die größte Reichweite und sind für die meisten Stellen der schnellste Weg zu Sichtbarkeit. Regionale Portale, Generalisten und spezialisierte Fachbörsen decken unterschiedliche Zielgruppen ab; die Kosten variieren je nach Anzeigenmodell und Laufzeit erheblich. Der Nachteil großer Reichweite sind mitunter hohe Streuverluste: Viele Bewerbungen passen nur bedingt zum Profil.
  • Eigene Karriereseite: Sie ist der zentrale Kontaktpunkt im Recruiting. Hier landen Kandidaten, die gezielt nach dem Unternehmen suchen oder über andere Kanäle aufmerksam geworden sind. Eine gepflegte Karriereseite mit aktuellen Stellen, Einblicken in den Arbeitsalltag und einem unkomplizierten, auch mobil nutzbaren Bewerbungsformular wirkt direkt auf Zahl und Qualität der Bewerbungen.
  • Soziale Medien und berufliche Netzwerke: Plattformen wie LinkedIn oder XING, aber auch branchenspezifische Communities, eignen sich, um Stellenanzeigen zu verbreiten und die Arbeitgebermarke sichtbar zu machen. Über diese Kanäle lassen sich auch Kandidaten erreichen, die gerade nicht aktiv nach einer neuen Stelle suchen – eine Gruppe, die klassische Anzeigen nicht erreicht.
  • Mitarbeiterempfehlungen: Mitarbeiter, die geeignete Kandidaten aus ihrem Netzwerk vorschlagen, liefern oft besonders passende Bewerbungen, weil sie Anforderungen und Unternehmenskultur kennen. Viele Unternehmen fördern Empfehlungen über Prämienprogramme; die Kosten je Einstellung liegen dabei meist deutlich unter denen anderer Kanäle.
  • Personalberater und Headhunter: Bei Führungskräften und schwer besetzbaren Spezialistenpositionen übernehmen externe Berater die Suche. Sie sprechen Kandidaten diskret und gezielt an und werden in der Regel erfolgsabhängig vergütet. Der Einsatz ist kostenintensiv, spart aber Zeit und erschließt Kandidaten, die über klassische Anzeigen nicht erreichbar wären.
  • Karrieremessen und Hochschulmarketing: Beim Nachwuchs – etwa bei Auszubildenden, Praktikanten und Absolventen – wirken persönliche Begegnungen besonders: Recruiting- und Karrieremessen, Hochschulkooperationen sowie Praxissemester oder Abschlussarbeiten im Unternehmen bauen früh Beziehungen auf und erreichen Kandidaten, bevor diese aktiv nach Stellen suchen.

Die richtige Mischung hängt von Zielgruppe, Budget und Besetzungszeitraum ab. Ein Industrieunternehmen, das Auszubildende sucht, setzt andere Kanäle ein als ein Konzern auf der Suche nach einer Führungskraft – und viele Unternehmen kombinieren bewusst mehrere Wege, um unterschiedliche Kandidatengruppen parallel zu erreichen. Ergänzend lohnt der Blick nach innen: Interne Stellenausschreibungen geben eigenen Mitarbeitern Entwicklungschancen und besetzen Positionen mit Personen, die das Unternehmen bereits kennen. Die Wirkung der eigenen Karriereseite hängt zudem eng mit der sichtbaren Arbeitgebermarke zusammen; wie Unternehmen ihr Employer Branding systematisch aufbauen, zeigt ein eigener Artikel.

Unabhängig von der Kanalwahl lohnt es sich, bei jeder eingehenden Bewerbung die Quelle zu erfassen – etwa über eine kurze Frage im Bewerbungsformular oder automatisiert über die Bewerbermanagement-Software. Wer zusätzlich die eingesetzten Mittel je Kanal dokumentiert, kann am Ende eines Verfahrens nachvollziehen, welcher Weg nicht nur viele, sondern passende Bewerbungen geliefert hat. Ohne diese Quellenerfassung bleibt die Kanalwahl eine Vermutung; mit ihr wird sie zu einer überprüfbaren Entscheidung. Diese Quellen- und Kostendaten fließen später direkt in die Auswertung der Recruiting-Kennzahlen ein.

Gängige Auswahlverfahren im Recruiting

Sobald Bewerbungen eingehen, entscheidet das Auswahlverfahren darüber, wie belastbar die Besetzung wird. Folgende Verfahren haben sich in der Praxis etabliert:

  • Strukturierte Interviews: Das Bewerbungsgespräch ist das Standardverfahren. In strukturierten Interviews erhalten alle Kandidaten denselben Fragenkatalog, und die Antworten werden anhand fester Kriterien bewertet. Das erhöht die Vergleichbarkeit und reduziert Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Häufig laufen mehrere Runden – etwa ein erstes Telefon- oder Videointerview, gefolgt von einem persönlichen Termin mit Fachabteilung und Personalverantwortlichen.
  • Assessment-Center: Bei diesem Verfahren durchlaufen mehrere Kandidaten einen Tag lang verschiedene Übungen – etwa Präsentationen, Rollenspiele oder Gruppendiskussionen – und werden dabei von mehreren Beobachtern bewertet. Assessment-Center sind aufwendig und kommen vor allem bei Führungspositionen, Trainee-Programmen und im öffentlichen Dienst zum Einsatz.
  • Probearbeiten und Arbeitsproben: Kandidaten lösen eine reale Aufgabe aus dem späteren Arbeitsalltag oder arbeiten einige Stunden bis zu einem Tag im Team mit. Beide Seiten prüfen so, ob die fachliche und die menschliche Passung stimmen. Besonders verbreitet ist das Verfahren im Handwerk, in der Gastronomie und in kreativen Berufen.

Viele Unternehmen kombinieren mehrere Verfahren, etwa ein strukturiertes Interview mit einer anschließenden Arbeitsprobe. Unabhängig vom Verfahren gilt: Die Auswahl muss diskriminierungsfrei erfolgen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet Benachteiligungen etwa wegen Geschlecht, Alter, Herkunft oder Religion – das betrifft sowohl die Formulierung der Stellenanzeige als auch die Fragen im Bewerbungsgespräch. Im Streitfall müssen Unternehmen nachvollziehbar darlegen können, dass ihre Entscheidung an sachlichen Kriterien ausgerichtet war – dokumentierte Bewertungsbögen aus strukturierten Interviews und ein nachvollziehbares Anforderungsprofil sind dafür eine belastbare Grundlage.

Vorstellungsgespräch als Teil des Auswahlverfahrens im Recruiting
Bild von The Yuri Arcurs Collection

Wichtige Recruiting-Kennzahlen: Time-to-Hire und Cost-per-Hire

Ob Recruiting funktioniert, lässt sich nur beurteilen, wenn der Prozess gemessen wird. Zwei Kennzahlen haben sich als Standard etabliert, weil sie die zentralen Steuerungsfragen beantworten: Wie schnell werden Stellen besetzt – und was kostet das?

KennzahlDefinitionNutzen im Recruiting
Time-to-HireZeitspanne zwischen dem Einstieg eines Kandidaten in den Bewerbungsprozess (z. B. Eingang der Bewerbung) und der Vertragsunterschrift.Zeigt, wie schnell der Auswahlprozess läuft und an welchen Stellen Kandidaten verloren gehen.
Time-to-FillZeitspanne zwischen der internen Freigabe einer Stelle und ihrer Besetzung – also die Gesamtsicht inklusive Vorlauf.Macht die komplette Vakanzzeit messbar und unterstützt die Personalplanung.
Cost-per-HireSumme aller internen und externen Kosten, geteilt durch die Zahl der Einstellungen im betrachteten Zeitraum.Schafft Transparenz über den Aufwand je Einstellung und unterstützt Budget- und Kanalentscheidungen.

Die Time-to-Hire misst die Dauer aus Kandidatensicht: Sie beginnt, sobald sich jemand bewirbt oder angesprochen wird, und endet mit der Unterschrift. Die Schwesterkennzahl Time-to-Fill setzt früher an – bei der Stellenfreigabe – und bildet damit die gesamte Vakanzzeit ab. Beide Werte werden erst durch den Blick auf die einzelnen Prozessphasen aussagekräftig: Dauert die Sichtung der Bewerbungen ungewöhnlich lange oder verzögern sich die Entscheidungen nach den Gesprächen? Gerade in einem angespannten Arbeitsmarkt entscheiden oft wenige Wochen darüber, ob ein gefragter Kandidat unterschreibt oder inzwischen bei einem anderen Arbeitgeber anheuert.

Die Cost-per-Hire bündelt alle Kosten, die bei einer Besetzung anfallen. Zu den externen Kosten zählen Anzeigenschaltungen in Jobbörsen, Honorare für Personalberater, die Teilnahme an Karrieremessen und Software. Die internen Kosten umfassen vor allem den Zeitaufwand der beteiligten Mitarbeiter – von der Personalabteilung über die Fachabteilung bis zu den Beobachtern eines Assessment-Centers – sowie Empfehlungsprämien. Die Formel lautet: interne plus externe Kosten, geteilt durch die Anzahl der Einstellungen. Weil die Kosten je nach Position und Branche stark schwanken, gibt es keinen allgemeingültigen Richtwert. Sinnvoll ist der Vergleich der eigenen Werte über die Zeit und zwischen Kanälen: So wird sichtbar, ob etwa Mitarbeiterempfehlungen günstiger einstellen als klassische Anzeigen – und wohin das Budget am besten fließt. Zur Einordnung der eigenen Ergebnisse können zudem externe Vergleichsdaten herangezogen werden, etwa die Benchmark-Studie zu Recruiting-Strukturen der DGfP.

Über diese beiden Werte hinaus nutzen viele Unternehmen ergänzende Kennzahlen: Die Offer-Acceptance-Rate zeigt, wie viele gemachte Angebote angenommen werden; die Quality-of-Hire bewertet nachträglich, ob Neueinstellungen die Erwartungen erfüllen; die Bewerbungsabbruchrate auf der Karriereseite verrät, ob das Bewerbungsformular Kandidaten abschreckt. Für den Einstieg genügt es, zwei Werte konsequent zu dokumentieren – die Dauer jeder Besetzung und die dafür aufgewendeten Kosten. Schon daraus lassen sich Trends und Auffälligkeiten ableiten.

Wichtig für die Aussagekraft ist weniger die Genauigkeit im Detail als eine einheitliche Messweise: Wer die Time-to-Hire erhebt, sollte Start- und Endpunkt fest definieren – etwa vom Bewerbungseingang bis zur Vertragsunterschrift – und diese Festlegung nicht von Fall zu Fall wechseln. Außerdem lohnt es sich, die Werte getrennt nach Positionsarten auszuwerten, denn die Besetzung einer Führungskraft folgt anderen Zeit- und Kostenlogiken als die einer Fachkraft oder eines Auszubildenden. Erst eine solche segmentierte Betrachtung zeigt, ob der eigene Prozess tatsächlich schneller oder günstiger wird – oder ob Auffälligkeiten nur bestimmte Stellengruppen betreffen.

Kennzahlen ersetzen allerdings keine Einzelfallprüfung: Eine kurze Time-to-Hire nützt wenig, wenn die falsche Person eingestellt wurde, und eine niedrige Cost-per-Hire rechtfertigt keine monatelange Vakanz. Interpretiert werden die Werte daher immer im Zusammenhang – und idealerweise über mehrere Besetzungen hinweg statt anhand eines einzelnen Falls.

Infografik: Die wichtigsten Recruiting-Kennzahlen Time-to-Hire und Cost-per-Hire im Überblick

Fachkräftemangel als Treiber moderner Personalgewinnung

Recruiting war nie nur eine administrative Aufgabe – sein Stellenwert hat sich in den vergangenen Jahren aber deutlich verändert. Der Grund ist der Fachkräftemangel: Die Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit und regelmäßige Unternehmensbefragungen weisen seit Jahren auf eine wachsende Zahl schwer besetzbarer Stellen hin, besonders in technischen Berufen, im Gesundheits- und Pflegebereich, im Handwerk und in der IT. Der demografische Wandel verschärft die Lage zusätzlich, denn Prognosen gehen von einem schrumpfenden Angebot an Arbeitskräften aus; eine baldige Entspannung erwarten die wenigsten Beobachter. Wie stark der Engpass ausgeprägt ist, variiert je nach Region und Branche allerdings erheblich – eine pauschale Aussage über den Arbeitsmarkt insgesamt greift deshalb zu kurz.

Für Unternehmen hat das den Markt gedreht: Wo früher Arbeitgeber aus einer großen Zahl von Bewerbern auswählten, wählen heute gefragte Fachkräfte zwischen mehreren Angeboten. Aus dem Anbietermarkt ist in vielen Segmenten ein Bewerbermarkt geworden. Die Folgen sind im Recruiting-Alltag spürbar: Besetzungszeiten verlängern sich, die Kosten je Einstellung steigen, und Stellen bleiben mitunter monatelang unbesetzt – mit direkten Auswirkungen auf Aufträge, Projekte und die Belastung der vorhandenen Belegschaft.

Professionelles Recruiting ist damit zu einer strategischen Aufgabe geworden, die über das Schalten von Stellenanzeigen hinausgeht. Unternehmen investieren in ihre Arbeitgebermarke, verkürzen Entscheidungswege im Auswahlprozess und achten auf die Candidate Experience – also darauf, wie Bewerber jeden Kontakt mit dem Unternehmen erleben, von der Anzeige bis zur Absage oder Zusage. Auch die direkte Ansprache von Kandidaten, die gar nicht aktiv wechseln wollen, gewinnt an Bedeutung; dieses als Active Sourcing bezeichnete Vorgehen wird in einem separaten Artikel ausführlich behandelt. Manche Unternehmen weiten die Suche zudem gezielt auf Fachkräfte aus dem Ausland aus – ein Weg, den die Politik in den vergangenen Jahren durch Erleichterungen bei der Fachkräfteeinwanderung flankiert hat.

Eng mit dem Fachkräftemangel verknüpft ist die Mitarbeiterbindung: Wer gewonnene Fachkräfte nicht hält, muss umso häufiger neu besetzen. Recruiting und Retention bedingen sich daher gegenseitig – ein gutes Onboarding, Entwicklungsperspektiven und eine gelebte Unternehmenskultur senken den künftigen Besetzungsdruck spürbar. Wie Unternehmen Fachkräfte finden und zugleich binden, untersucht auch die KOFA-Studie „Fachkräfte finden und binden“.

Häufige Fragen zum Recruiting

Was versteht man unter Recruiting?

Recruiting ist der englische Fachbegriff für die Personalgewinnung eines Unternehmens. Er umfasst alle Aktivitäten, die dazu dienen, offene Stellen zu besetzen: von der Bedarfsanalyse und Stellenausschreibung über die Ansprache und Auswahl von Kandidaten bis zum Vertragsabschluss. Im deutschsprachigen Personalwesen hat sich der Begriff weitgehend durchgesetzt und wird häufig synonym zu Personalbeschaffung verwendet.

Was ist der Unterschied zwischen Recruiting und Personalbeschaffung?

Inhaltlich beschreiben beide Begriffe denselben Vorgang: die Besetzung offener Positionen. Personalbeschaffung ist der traditionelle deutsche Oberbegriff aus der Personalwirtschaft und meint die Deckung eines zuvor definierten Personalbedarfs. Der Begriff Recruiting wird dagegen oft enger und moderner verwendet: Er betont die aktive, kandidatenorientierte Gewinnung – also die Frage, wie ein Unternehmen die passenden Menschen erreicht und für sich gewinnt, statt nur den Bedarf zu verwalten. In der Praxis verschwimmen die Grenzen, und viele Unternehmen nutzen beide Begriffe austauschbar.

Wie lange dauert Recruiting?

Die Dauer hängt von der Position, dem Arbeitsmarkt und dem internen Prozess ab. Einfach zu besetzende Stellen mit vielen Bewerbern sind oft innerhalb weniger Wochen vergeben; bei Spezialisten und Führungskräften können mehrere Monate vergehen, bis ein Kandidat unterschreibt – hinzu kommen Kündigungsfristen, bis der neue Mitarbeiter tatsächlich anfängt. Messbar wird die Dauer über die Kennzahlen Time-to-Hire und Time-to-Fill. Beschleunigen lässt sich der Prozess vor allem durch klare Entscheidungswege, kurze Reaktionszeiten gegenüber Bewerbern und eine begrenzte Zahl von Gesprächsrunden.

Was ist Active Sourcing?

Active Sourcing bezeichnet die direkte, aktive Ansprache von Kandidaten – typischerweise über berufliche Netzwerke –, die nicht selbst aktiv nach einer neuen Stelle suchen. Es gilt als eigenständiges Spezialthema innerhalb der Personalgewinnung; ein separater Artikel widmet sich dem Thema im Detail.